Mit Blog Geld verdienen kann auch eine ganz andere Dimension erreichen: 2010 machte ein junger Ingenieur in China etwas, das uns heute fast naiv erscheinen mag: Er installierte WordPress auf einem Server und begann, Schnäppchenangebote zu posten. Keine ausgeklügelte App, kein Venture Capital, keine große Vision von künstlicher Intelligenz oder Disruption. Nur ein Blog. Neun Jahre später ging dieses kleine Projekt an die Börse – mit einer Bewertung von über 600 Millionen Euro.
Die Geschichte von 什么值得买 (Shénme Zhídé Mǎi, auf Deutsch etwa: “Was lohnt sich zu kaufen”) ist bemerkenswert, weil sie so unspektakulär beginnt. Und genau deshalb möchte ich sie mit dir teilen.
Ein Ingenieur mit einer Leidenschaft
Sui Guodong war kein typischer Tech-Gründer. Er hatte Bauingenieurwesen studiert, später einen Master in Verkehrsingenieurwesen an der renommierten Tongji-Universität gemacht. Aber seine wahre Leidenschaft galt Elektronik und Gadgets. Jeden Tag durchforstete er das Internet nach den besten Deals, nach Produkten, die wirklich ihr Geld wert waren.
Die Begeisterung, wenn er etwas Außergewöhnliches fand – einen Laptop zu einem unglaublichen Preis, ein neues technisches Spielzeug –, diese Begeisterung konnte er nur mit ein oder zwei Freunden teilen. Das frustrierte ihn. Also tat er 2010, was damals viele taten: Er startete einen Blog.
Der Name war bewusst einfach gewählt: “Was lohnt sich zu kaufen?” Fünf chinesische Schriftzeichen, die jeder sofort verstand. Keine hippe englische Bezeichnung, kein Marketingsprech. Die Abkürzung SMZDM allerdings entwickelte bald ein Eigenleben – Nutzer nannten die Seite liebevoll “Zhang Dama” (张大妈), was so viel wie “Tante Zhang” bedeutet. Eine warmherzige, vertrauenswürdige ältere Dame, die einem gute Ratschläge gibt. Genau dieses Bild passte.
Die Ich-Du-Beziehung als Fundament
Hier liegt etwas Entscheidendes, das ich mit dir teilen möchte – und das auch das Kernprinzip meiner eigenen Arbeit darstellt: Sui Guodong baute von Anfang an eine Ich-Du-Beziehung zu seinen Lesern auf, keine Ich-Es-Beziehung. Meiner Meinung nach ist sie die einzige Grundlage heute, um ein nachhaltiges Geschäft aufzustellen. Wenn dich interessiert, wie du von Anfang an eine Geschäftsidee findest, die aus “Ich-Du” aufgebaut ist, kannst du gern bei meinem Beitrag “Geschäftsidee finden: Die 5 Phasen der Evolution, die du nicht überspringen kannst.” weiterlesen.
Diese Unterscheidung, die der Philosoph Martin Buber prägte, mag auf den ersten Blick abstrakt wirken. Aber sie ist fundamental. In einer Ich-Es-Beziehung wird der andere zum Objekt, zum Mittel zum Zweck, zu einem Datenpunkt oder einer Conversion-Rate. In einer Ich-Du-Beziehung begegnet man dem anderen als gleichwertigem Menschen, in echter Gegenwärtigkeit und Offenheit.
Sui schrieb nicht für “Traffic” oder “User”. Er teilte seine Begeisterung mit Menschen, die dieselbe Leidenschaft hatten wie er. Er empfahl nicht Produkte, weil sie die höchste Provision brachten, sondern weil sie wirklich gut waren. Als er ein schlechtes Angebot sah, sagte er das auch – selbst wenn es bedeutete, kein Geld zu verdienen.
Diese Authentizität war radikal. Und sie wurde belohnt.
Das Dilemma der Neutralität
Kurz nach dem Start entdeckte Sui einen anderen Blog, der genau dasselbe Format hatte – nur für Spielzeug statt Elektronik. Sein erster Impuls: Konfrontation. Jemand kopierte seine Idee! Er rief an, bereit für einen Streit. Doch am Telefon merkte er: Dieser Fremde, Liu Chao, dachte genauso wie er. Die beiden verstanden sich auf Anhieb und beschlossen, gemeinsam weiterzumachen. Liu Chao ist heute Direktor und drittgrößter Einzelaktionär des börsennotierten Unternehmens.
Aber das eigentliche Dilemma kam später. Das Geschäftsmodell war simpel: Wenn Nutzer über Links auf “Was lohnt sich zu kaufen” bei Online-Händlern einkauften, erhielt die Seite eine Provision. Das Problem: Nicht alle Produkte brachten gleich viel Geld.
Stell dir vor, du hast zwei Laptops. Laptop A ist objektiv besser für deine Leser, bringt aber keine Provision. Laptop B ist etwas schlechter, bringt aber 5% Provision – und das bedeutet bei einem 1.000-Euro-Laptop 50 Euro, die dein kleines Unternehmen dringend braucht. Du hast Mitarbeiter, Serverkosten, Büroräume. Was empfiehlst du?
Die meisten würden Kompromisse machen. Würden sich selbst sagen: “Laptop B ist ja auch nicht schlecht.” Würden rationalisieren. Sui Guodong und sein Team entschieden sich anders. Sie empfahlen Laptop A. Immer wieder. Auch wenn es wehtat.
Diese Entscheidung – die Entscheidung für das Du statt das Es, für den Menschen statt die Metrik – war paradoxerweise ihre klügste geschäftliche Entscheidung. Denn sie baute Vertrauen auf. Tiefes, echtes Vertrauen. Nutzer merkten: Diese Leute meinen es ernst. Sie sind auf meiner Seite. “Tante Zhang” lügt mich nicht an.
Die Kraft der Community
2015 machte “Was lohnt sich zu kaufen” einen entscheidenden Schritt: Sie öffneten die Plattform für User-Generated Content. Nicht mehr nur das kleine Team sollte Schnäppchen posten, sondern jeder Nutzer konnte seine Funde teilen, Produkte bewerten, Erfahrungen austauschen.
Das war riskant. Was, wenn die Qualität sinkt? Was, wenn Nutzer schlechte Produkte empfehlen? Aber genau das Gegenteil geschah. Die Community polizierte sich selbst. Wer schlechte Tipps gab, wurde von anderen Nutzern korrigiert. Wer versuchte, versteckte Werbung zu machen, wurde enttarnt. Die Ich-Du-Kultur, die Sui von Anfang an etabliert hatte, wurde von der Community getragen und verstärkt.
Plötzlich gab es auf der Plattform nicht mehr nur Tech-Schnäppchen, sondern Kaufberatung für alles: Kosmetik, Küchengeräte, Reisen, Versicherungen. Jeden Bereich, in dem Menschen Geld ausgeben und Orientierung brauchen.
Die durchschnittliche Nutzerin öffnete die App mehr als sechs Mal täglich. Nicht weil sie ständig kaufen wollte, sondern weil es eine Gemeinschaft war, eine Ressource, ein Ort des Austauschs.
Der stille Erfolg
Während in China und im Silicon Valley Startups Hunderte Millionen Dollar einsammelten, predigten von “Disruption” und “Skalierung”, wuchs “Was lohnt sich zu kaufen” still vor sich hin. 2014 machten sie einen Umsatz von 7 Millionen Euro, 2016 schon 28 Millionen, 2018 dann 71 Millionen. Mit einem Nettogewinn von über 13 Millionen Euro.
Sie waren profitabel. Von Anfang an. Sie brauchten kein Risikokapital, keine Investor-Roadshows, keine Exit-Strategie. 2017 nahmen sie einmal 14 Millionen Euro Funding auf – nicht weil sie das Geld brauchten, sondern für strategische Partnerschaften und als Vorbereitung auf den Börsengang.
Das ist bemerkenswert: In einem Ökosystem, das besessen ist von Growth-Hacking und “Fake it till you make it”, baute dieses Team ein nachhaltiges, profitables Geschäft auf. Weil sie von Anfang an echten Wert schufen.
Die Weisheit des Delegierens
2015 traf Sui eine Entscheidung, die viele Gründer nicht treffen können: Er holte Naxi Liu, einen Vice President von JD.com’s Smart Division, als CEO ins Unternehmen – und trat selbst zurück. Er blieb Chairman, aber die operative Führung gab er ab.
Das erfordert enormes Selbstbewusstsein und Demut zugleich. Die Fähigkeit zu erkennen: Ich habe dieses Baby groß gezogen, aber jetzt braucht es jemanden mit anderen Fähigkeiten. Jemanden, der Strukturen aufbauen kann, der mit Investoren sprechen kann, der das Unternehmen durch einen IPO führen kann.
Viele Gründer können nicht loslassen. Sie halten fest, auch wenn sie dem Unternehmen schaden. Sui erkannte seine Grenzen – und handelte danach.
Der Börsengang
Im Juli 2019 ging “Was lohnt sich zu kaufen” an der Shenzhen Stock Exchange an die Börse. Der Ausgabepreis lag bei etwa 40 Yuan pro Aktie, die Marktkapitalisierung bei der Erstnotierung bei rund 3,8 Milliarden Yuan – umgerechnet etwa 480 Millionen Euro. In den folgenden Monaten stieg der Wert zeitweise auf über 6 Milliarden Yuan (über 750 Millionen Euro).
Sui Guodong hielt nach dem Börsengang immer noch 43,33% der Aktien direkt, plus weitere 7,5% indirekt. Das Gründerteam zusammen kontrollierte über 80% der Anteile. Ein Luxus, den sich kaum ein Startup leisten kann, das mehrere Finanzierungsrunden durchlaufen hat.
Was bedeutete das konkret? Ein simpler WordPress-Blog, gestartet von einem Ingenieur in seiner Freizeit, wurde zu einem börsennotierten Unternehmen mit einem Wert von über einer halben Milliarde Euro.
Was diese Geschichte uns lehrt
Diese Geschichte bewegt mich aus mehreren Gründen.
Erstens: Du musst nicht groß anfangen. Sui hatte keine brillante neue Technologie, kein revolutionäres Geschäftsmodell. Er hatte WordPress und eine Leidenschaft. Er hatte die Fähigkeit, anderen Menschen zu helfen und ehrlich zu sein. Das war genug.
Zweitens: Beziehungen schlagen Metriken. In einer Welt, die besessen ist von KPIs, Conversion Rates und User Acquisition Costs, baute “Was lohnt sich zu kaufen” echte menschliche Beziehungen auf. Die Ich-Du-Beziehung zu den Nutzern war kein Nice-to-have, sondern das Fundament des gesamten Geschäfts.
Drittens: Integrität zahlt sich aus. Die schwersten Momente – wenn du zwischen kurzfristigem Gewinn und langfristigem Vertrauen wählen musst – sind oft die wichtigsten. Jedes Mal, wenn Sui das richtige Produkt empfahl statt das profitable, investierte er in Vertrauen. Diese Investition zahlte sich tausendfach aus.
Viertens: Kenntnis der eigenen Grenzen ist eine Stärke. Zu wissen, wann man Hilfe braucht, wann man delegieren sollte, wann man zurücktreten muss – das ist keine Schwäche, sondern Weisheit.
Und fünftens: Nachhaltigkeit ist möglich. Du musst nicht Geld verbrennen, um zu wachsen. Du musst nicht profitlos skalieren in der Hoffnung, eines Tages vielleicht ein Geschäftsmodell zu finden. Du kannst von Tag eins an echten Wert schaffen und dafür bezahlt werden.
Die Schattenseiten
Fairerweise muss man sagen: Auch “Was lohnt sich zu kaufen” ist nicht perfekt. In den letzten Jahren mehren sich die Stimmen langjähriger Nutzer, die beklagen, dass die Plattform kommerzieller geworden ist. Dass häufiger Produkte mit hohen Provisionen in den Vordergrund gerückt werden. Dass die alte “Tante Zhang” etwas von ihrer Unschuld verloren hat.
Das ist vielleicht unvermeidlich. Der Druck öffentlicher Märkte, Quartalsergebnisse, Wachstumserwartungen – all das verändert Unternehmen. Die Frage ist nur: Wie stark lässt man sich verändern? Wie viel von der ursprünglichen DNA bewahrt man?
Und hier wird es spannend für uns als Beobachter: Kann ein Unternehmen, das auf Vertrauen gebaut ist, dieses Vertrauen auch nach dem Börsengang bewahren? Oder frisst das System am Ende doch alle, die sich ihm unterwerfen?
Was das für dich bedeutet
Vielleicht fragst du dich jetzt: Schön und gut, aber was hat das mit mir zu tun? Ich will doch keine Shopping-Plattform in China bauen.
Darum geht es nicht. Es geht um die Prinzipien.
Du kannst heute mit minimalen Ressourcen starten – ob Blog, Newsletter, YouTube-Kanal oder etwas ganz anderes. Die Technologie ist da, sie ist günstig, sie ist zugänglich. Die Frage ist nicht: Hast du Zugang zu Risikokapital? Die Frage ist: Hast du etwas Wertvolles beizutragen? Kannst du anderen Menschen helfen?
Du kannst wählen, wie du mit deiner “Audience” umgehst. Sind sie Datenpunkte für dich, Klicks, Conversions – ein Es? Oder sind sie Menschen, ein Du, mit denen du in echter Beziehung stehst?
Du kannst wählen zwischen kurzfristiger Optimierung und langfristigem Vertrauen. Jedes Mal, wenn du vor der Wahl stehst – das Richtige empfehlen oder das Profitable –, triffst du eine Entscheidung über die Art von Person, die du sein willst.
Die Geschichte von “Was lohnt sich zu kaufen” beweist: Das Richtige zu tun ist nicht nur moralisch gut. Es kann auch wirtschaftlich erfolgreich sein. Vielleicht sogar erfolgreicher, als der schnelle Kompromiss es je wäre.
In einer Zeit, in der wir von Algorithmen umgeben sind, die uns als Datenpunkte behandeln, in der wir selbst Gefahr laufen, andere als Zahlen zu sehen – in dieser Zeit ist die Ich-Du-Beziehung nicht nur eine philosophische Idee. Sie ist ein Wettbewerbsvorteil. Sie ist das, was echte Communities von hohlen Follower-Zahlen unterscheidet. Sie ist das, was nachhaltige Unternehmen von Strohfeuern unterscheidet.
Sui Guodong hat nicht die komplizierteste App gebaut, nicht die innovativste KI entwickelt, nicht die meiste Finanzierung eingesammelt. Er hat etwas viel Schwierigeres getan: Er hat Menschen vertraut. Und sie haben ihm vertraut. Und aus diesem Vertrauen wuchs etwas Wertvolles.
Vielleicht ist das die wichtigste Lektion von allen: In einer Welt, die uns ständig erzählt, wir müssten disruptiv sein, skalieren, optimieren, wachsen – manchmal ist das Wertvollste, was wir tun können, einfach ehrlich zu sein. Und Menschen als Menschen zu behandeln.
Das ist keine Garantie für Erfolg. Aber es ist, denke ich, der einzige Weg zu einem Erfolg, der sich wirklich lohnt.

